|
"Das ganze Siebengebirge ist von der Vernunft besetzt. Das ganze Siebengebirge? Nein! Ein unbeugsames kleines Dorf leistet auch weiterhin tapferen Widerstand..."
So ist es bereits bei Ignaz Knobelbecher(1492-1548) zu lesen, der da schrieb "Sehet dero Suufkopp, der da stehet itzo auf dem Hügel bar der Vernunfte!" (I.Knobelbecher, "Oremus", Bd.1, S. 416, 1.Auflage).
Der Begriff "Suufkopp" steht hier übrigens nicht für den übermäßigen Zuspruch zu vergorenem Gerstensaft - wenngleich diesem der Stieldorferhohner an sich durchaus nicht abgeneigt ist - sondern für eine Pflaumensuppe, da in früheren Zeiten das Land um das Dorf herum reich an Pflaumenbäumen war.
Interessanterweise haben Funde beim Neubau der ICE-Trasse bei Stieldorferhohn schon eine Häusergruppe von 200 v.Chr. zu Tage gefördert, ein Beweis also, daß die Stieldorferhohner an sich recht erdverbunden sind und sich von einmal errungenem Boden nur ungern wieder entfernen. In dem Zusammenhang erscheint mir die Bezeichnung "de Hüll" (die Höhle) für den Bereich, in dem meine Familie wohnte schon ein gewissen Sinn zu ergeben..
Mittlerweile hat es Stieldorferhohn auf rund 500 Einwohner gebracht. Hiervon sind ca. die Hälfte irgendwie miteinander verwandt, der Rest ist zu 80 % direkt verwandt und die verbleibenden Personen sind Zugezogene, über die man nicht spricht. Soweit die Fakten.
Ansonsten hat Stieldorferhohn, gelegen im Siebengebirge, alles, was man von einem Dorf erwartet. Es gibt Pferde (böse Zungen behaupten, es seien mehr als Einwohner), Kühe und Hühner, einen "Tante-Emma-Laden" als Nachrichtenumschlagplatz und jede Menge Gerüchte. Genaugenommen sind es keine Gerüchte, weil -"Isch wüdd ja nie jätt sache, ävver hann se att jehürt, datt..."- es so etwas in diesem ehrenwerten Dorf gar nicht gibt.
Abgesehen davon kann das Dorf auch sonst auf ein lebendiges Brauchtum zurückblicken.
So gibt es z.B. den SCS (=Surf/Snowboard Club Stieldorferhohn), der bereits in frühesten Jahren in wahrer Pionierarbeit die Verbreitung dieser Sportarten mit innovativen Eigenbauten vorangetrieben hat. Hier zeigte sich, dass auf dem Land noch vor dem Boom der Massen Trends am Puls der Zeit erkannt werden.
Wo wären die großen Hersteller heute ohne die selbstlose und unschätzbare Entwicklungsarbeit dieser frühen Baumeister ?! Oder, andersherum betrachtet - wo wären diese frühen Baumeister heute ohne die großen Hersteller ;-)
Noch traditionsreicher ist der Junggesellenverein Edelweiss (Na ja, soooo hoch sind die Berge im Siebengebirge ja nun eigentlich auch nicht...), dem ich selber einige Jahre angehörte. Hier wird z.B. der Brauch des Maibaumsetzens noch in Ehren gehalten. Für Nichtrheinländer sei er hier kurz erklärt: In der Nacht zum 1.Mai wird der Liebsten mehr oder weniger heimlich eine geschmückte Birke vor das Fenster gestellt. Erfreut sich die Dame nicht so großer Beliebtheit, so darf es auch schon mal eine Tanne oder ein Kirschbaum sein... Sicherlich einzigartig ist der Paiaskampf zu Pfingsten. Der Paias, eine Strohpuppe, die ein Mitglied der Junggesellen verkörpert, wird von den verheirateten Männern des Bürgervereins "entführt". In einem Schaukampf mit Stöcken (sic!) und einigen Geschicklichkeitsprüfungen (Strohballenweitwurf und ähnlich sinniges) vor versammeltem Dorfe versuchen die Junggesellen nun, diesen wieder zurückzuerlangen. Traditionsgemäß einigt man sich auf ein entsprechendes Lösegeld in flüssiger Form und alle sind zufrieden. Das sieht dann ungefähr so aus.. Nach dem Sommer und dem unverhofften Dahinscheiden des Paias wird dieser dann unter großem Wehklagen und Singen des Paiasgebetes (ja, auch der Dörfler kann Religionskritik äußern ...) in einem Zug durch das Dorf zu Grabe getragen. Der Kreis schließt sich...
|